Die vier Grundthemen in der Existenziellen Pädagogik

Um personale Werte umsetzen zu können und somit zu einem gesunden Selbstwert und einem erfüllten Leben zu gelangen, müssen gewisse Grundthemen erfüllt sein. Alfred Längle hat vier Themen gefunden, die den Menschen im Innersten bewegen. Diese vier Themen (Motivationen) bilden ein Raster, der in der Erziehung in zweierlei Hinsicht genutzt werden kann:

Zum einen lässt sich die Entwicklung der Person als ein Fortschreiten von der ersten zur vierten Grundmotivationen beschreiben, wenngleich es immer wieder sein kann, dass Menschen bei neuen Entwicklungsanforderungen auf ein früheres Stadium zurückkommen. Der Raster kann zu einem tieferen Verständnis der momentanen Situation meines Gegenübers verhelfen.

Zum zweiten lassen sich damit ganz konkrete Erziehendenmassnahmen ableiten: Auf welches Grundthema könnte das Verhalten des Kindes hindeuten? Was fehlt ihm? Was braucht dieses Kind jetzt von mir?


Ich finde mich im Leben zurecht

Das erste Grundthema befasst sich mit der Grundfrage des Dasein-Könnens.

  • Kann ich mein Leben bewältigen?
  • Finde ich mich zurecht?
  • Komme ich mit den Gegebenheiten und Bedingtheiten des Daseins zurande?

Wie können Kinder so gestärkt werden, dass sie ihr Leben in der Schule und in der Welt gut bewältigen können? Dort, wo Kinder genügend Schutz, Raum und Halt haben, fühlen sie sich wohl und zuhause. Dies wird als Vertrauen empfunden und gibt den nötigen Mut zum Leben. Das Kind fühlt sich sicher und gehalten. Es kann in Ruhe da sein und auftretende Herausforderungen aushalten.

Halt erfahren Kinder in allem, was stützt – Verlässlichkeit und Regelmässigkeiten (Rituale, Rhythmisierung, klare Regeln). Auch Beständigkeit kann Halt geben, wenn zum Beispiel darauf geachtet wird, dass man beendet, was man begonnen hat. Ebenso können Grenzen und Widerstand stützenden Halt geben. Grenzen werden ausgetestet, Kinder reiben sich an der Lehrperson und aneinander. Kinder wollen wissen, wie die Lehrperson darauf reagiert. Verfügt sie über eine Werteklarheit? Steht sie für ihre eigenen Werte ein? Auf keinen Fall sollte ein Kind beschämt oder blossgestellt werden. Dadurch kann ihm der Halt entzogen werden. Halt wird aber auch in sich selbst gefunden, in den eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten, auf die man sich verlassen kann (geschickter Körper, Kraft und Ausdauer für eigene Unternehmungen, erworbenes Wissen und Können, Fantasie und Kreativität…)

Schutz entsteht durch Angenommensein durch andere, durch die Familie, die Lehrperson, durch Aufgehobensein in Beziehungen, in der geliebten Tätigkeit, im Glauben…

Grenzen und Ordnungsstrukturen können ebenfalls Schutz geben, nämlich dann, wenn sie zu einem respektvollen und störungsarmen Miteinander beitragen.

Kinder benötigen in mehrfacher Hinsicht genügend Raum. Das ist zum einen der Raum, sich ausreichend bewegen zu dürfen - körperlich, psychisch und geistig. Frei herumtollen, aber auch frei denken und handeln zu dürfen, gehören dazu. Gemeint ist auch der „geistige Auslauf“. Manche Kinder vertragen mehr Tiefe und Breite, möchten ein Thema bis an die eigene Erfassungsgrenze bearbeiten dürfen, möglicherweise über die Erfassungsgrenze des Erwachsenen hinaus.

 Im Raum-haben wurzeln Wahrheitsliebe und Friedfertigkeit. Kinder, die die Unwahrheit sagen, sich in Tagträumereien und Fantasiegeschichten versteigen, haben oft zu wenig Raum. Auch Aggression weist oft auf eine Beengung des Lebensraumes hin. Ein in die Enge getriebener Mensch kann schwer Frieden halten. Raum-haben heisst auch, eigene Erfahrungen machen zu dürfen, nicht ständig von den Erziehenden „besetzt“ zu sein. Auch wenn es in bester Absicht geschieht, führt dies manchmal zu Überpräsenz, Überfürsorglichkeit und Verwöhnung, besonders in Kleinfamilien.

 



Ich freue mich, dass ich lebe

Das zweite Grundthema fragt nach meinen Gefühlen dem Leben gegenüber.

  • Mag ich mein Leben?
  • Kann ich bei mir sein?
  • Ist es gut für mich und andere, dass ich da bin?
  • Kann ich Freude darüber empfinden, dass ich lebe?
  • Gibt es in meinem Leben genug Wertvolles, dass es sich für mich lohnt zu leben?

Wie können Kinder darin unterstützt werden, dass sie ihr eigenes Leben als wertvoll erfahren?

Diese drei Bedingungen – Beziehung, Zeit, Nähe – schaffen die Basis dafür, Zuwendung annehmen und Zuwendung geben zu können, sich dem Leben zuwenden zu können.

Kinder brauchen Beziehung. Daraus erwächst Lebenskraft. Erziehende, die das Kind wertschätzen, sich ihm liebevoll zuwenden, ihm zuhören, an seinen Vorlieben interessiert sind und versuchen, es zu verstehen, erfüllen dieses Grundthema. Feste, Feiern, Rituale, Spiele können einerseits Schutz und Halt, aber auch Raum für Wärme, Nähe und Zuwendung bieten. Gemeint ist auch die Beziehung zum Schulstoff. Hat die Lehrperson einen personalen Zugang zum Lerninhalt und sieht sie selber einen Sinn darin, dann fällt es den Kindern leichter, sich darauf einzulassen.

Eine Beziehung ist ohne Zeit nicht denkbar. Erst wenn wir uns Zeit nehmen, Lebenszeit schenken, haben Gefühle Raum und können schwingen. Dies betrifft vor allem jene Zeit, in der Erziehende sich den Kindern tatsächlich zuwenden, ganz da sind, Präsenz zeigen. Kinder hingegen brauchen angemessen Zeit, sich mit Inhalten auseinandersetzen zu können. Und wenn ein Inhalt zu einem personalen Wert geworden ist, dann ist häufig ein zusätzliches Zeitgefäss gefragt.

Wenn wir uns auch gefühlsmässig auf das Kind einlassen, entsteht Nähe. Durch Nähe erleben wir den andern, aber auch uns selbst intensiver. So gelingt es müheloser, personale Werte wahrzunehmen, das, was dem Kind wichtig ist. Selbstverständlich kann zu grosse Nähe dem Lernenden den eigenen Raum nehmen.

Ist bei einem Kind das zweite Grundthema erfüllt und erfährt es selbst positive Zuwendung in der beschriebenen Art, dann kann es sich leichter andern Menschen, aber auch Stoffinhalten zuwenden. Es kann sich leichter einlassen, verbinden, eintauchen, auseinandersetzen und seine personalen Werte umsetzen. Im positiven Erleben von Menschen, Dingen und Inhalten erlebt das Kind schliesslich das eigene Leben als wertvoll. An diesem Grundwert richtet es sich aus. Sein ganzes Wertgefüge baut darauf auf. Hat das Kind keine tragende Beziehung erlebt oder erlebt es sie aktuell nicht, so tritt es den Rückzug an. Früher oder später kann dies zu depressiven Verstimmungen führen.

Die (personale) Begegnung

„Begegnung heisst zunächst, Respekt vor der Personalität des andern zu haben“. (Waibel)

Begegnung wird also als Geschehen zwischen zwei Personen verstanden, welche sich ganz auf das Gegenüber einlassen und bereit sind, vorurteilslos den andern zu erfassen. Dies bedingt eine Haltung des Nicht-Wissens: Keiner weiss schon im Voraus, wer der andere ist und was er will. Darum akzeptiert er ihn, wie er ist, resp. wie er sein könnte, in seiner Potenzialität.

Eine solche personale Begegnung schaut also hinter die Rolle, das aktuelle Verhalten, die Form des Auftretens. Sie fokussiert sich auf die Würde und den Wert des Gegenübers. Eine solche Begegnung verändert alle Beteiligten und stärkt sie in ihrer Existenz.

 

Ich bin ich - und das ist gut so

Das dritte Grundthema spricht die Person an.

  • Darf ich so sein, wie ich bin?
  • Mit allem, was mir wichtig und wertvoll ist?
  • Darf ich einmalig und unverwechselbar sein?
  • Werde ich darin angenommen und verstanden?

Wie können wir Kinder darin unterstützen, sich selbst in ihrer Einmaligkeit anzunehmen und so einen gesunden Selbstwert zu entwickeln?

Jedem Menschen ist es wichtig, gerecht behandelt zu werden. Es geht also darum, das Kind spüren zu lassen, dass es das Recht hat, so zu sein, wie es ist. Dass es das Recht hat, das umzusetzen, was ihm wichtig und wertvoll ist. Gleichzeitig können Erwachsene auch aktiv dazu beitragen, dass Kinder ihre Möglichkeiten auch tatsächlich umsetzen. Das geschieht in erster Linie, indem sie Potenzialitäten im Kind erkennen, die dieses noch gar nicht sieht oder spürt. Dazu genügt es, Kinder feinfühlig darin zu beobachten, was sie gerne machen oder besonders gut können. Auch Äusserungen des Kindes, sowohl durchdachte als auch schnell daher gesagte, tragen zum Erkennen von Potenzialität bei.

Durch dieses Erfahren von Gerechtheit lernt das Kind, vor sich selbst bestehen zu können, sich selbst zu bejahen, sich im Kern nicht zu verfehlen. Sein Empfinden für das Richtige wird gestärkt, sein Vertrauen in die eigenen Gefühle wächst.

Es gilt, dem Kind in seinem So-sein Beachtung zukommen zu lassen, es als Person zu sehen, seine personalen Werte wahrzunehmen. „Sich selbst sehen und gesehen werden hilft, das Eigene zu finden und es von Anderen abzugrenzen.“ (Längle)

Sich und seine Möglichkeiten erproben dürfen, sich von seiner besten Seite zeigen dürfen, sich beim Gelingen ertappen lassen – das sind Räume, in denen das Kind Beachtung finden kann und mag. Durch ehrliches personales Feedback erhält es Informationen über sich selbst und über die andern. Kinder zur Anpassung zu erziehen, läuft in eine andere Richtung. Es ist eine Fehlform, das Kind nur zu mögen, wenn es brav und angepasst ist. Ebenfalls verfehlt Liebesentzug bei schlechten Leistungen die Person des Kindes. Wirklich Beachtung wird dem Kind dann geschenkt, wenn es nicht nur in einem speziellen Können, in einer speziellen Fähigkeit, in einem speziellen Bestreben unterstützt wird, sondern in seiner ganzen Person.

Durch Beachtung wird der Person Wertschätzung entgegengebracht. Es entsteht das Gefühl, sich selbst sein zu dürfen. Wenn das Kind Rückmeldungen über das Eigene erhält, lernt es sich einzuschätzen: Fremdeinschätzung führt zur Selbsteinschätzung. Auf diese Weise gewinnt das Bild über sich selbst Konturen. Dies bildet die Basis für den Selbstwert und die Authentizität. Dadurch wird personale Begegnung ermöglicht, nämlich auch andere so sein zu lassen, wie sie sind und sich selbst aktiv einzubringen.

Das heisst, dass das Kind durch die Annahme und Wertschätzung seiner Person, besonders in seinem Anderssein, offen wird für die Annahme anderer Personen. Daraus resultiert der Sinn für Gerechtigkeit und Toleranz.

Fehlen diese Voraussetzungen, führt dies zu Selbstentwertung, Selbstent-fremdung, Einsamkeit, und hysterischen Entwicklungen. Oft handelt es sich dabei um gewinnende Menschen, die andern zu leicht Recht geben, aus Angst, sonst nicht geschätzt zu werden. Sie können aber auch Druck und Ungeduld bis hin zu „terrorisierenden“ Verhaltensweisen ausüben.

 

Ich will mich einsetzen - doch wofür?

Das vierte Grundthema beschreibt die Ausrichtung auf Sinn.

  • Warum sind wir auf der Welt?
  • Worum soll es gehen?  Wofür möchte ich gelebt haben?
  • Wie will ich handeln?  Was ist gerade jetzt mein Wertvollstes?
  • Wofür will ich mich einsetzen?

 Jeder Mensch ist in Strukturen eingebettet (Familie, Schule, Klasse, Freundeskreis, Natur, Vereine…), er lebt nicht für sich allein. Strukturen vernetzen Menschen untereinander und machen den Wert des Einzelnen für Andere deutlich. Deshalb geht es darum, Kinder verschiedene Strukturzusammenhänge erleben zu lassen, damit sie in der Folge erkennen, worin ihre eigenen Werte liegen.

Auch ein Tätigkeitsfeld, in dem das Kind eine subjektiv anspruchsvolle Aufgabe zu bewältigen und Verantwortung zu tragen hat, bildet eine Grundlage für sinnerfülltes Handeln. Das Kind ist personal angesprochen, gefragt, herausgefordert. Das gibt dem eigenen Leben Orientierung. In der Schule bieten sich dafür selbstbestimmte Sequenzen, individuelle Hausaufgaben, adäquate Wahlmöglichkeiten an. Warum nicht während Projekttagen oder in Ateliers personale Werte erleben und umsetzen lassen? Dies schafft die Basis für Weiterentwicklung und Entfaltung der Person.

Das Kind kann sich auf seine Gegenwart und auf seine Zukunft ausrichten, indem es Dinge umsetzt, die ihm wichtig und wertvoll erscheinen. Sind diese Voraussetzungen erfüllt, erfährt das Kind Sinn in seinem Tun und in seinem Sein. Fehlen sie, können Leere, Orientierungslosigkeit, Verzweiflung und Sucht entstehen.